Kämpfen und vergessen

Posted on Mo Juli 12, 2021.

Der Rotmilan ist ein schöner mittelgrosser Greifvogel. Die meisten der überlebenden Milane leben in Europa, obwohl ihr Vorkommen unterschiedlich ist. In der Schweiz ist die Population nach den meisten Quellen im Moment stabil, aber wenn ich in den Himmel schaue, habe ich das Gefühl, dass ihre Zahl eher zunimmt.

Rotmilane sind Luftakrobaten. Sie nutzen die Thermik, um Höhe zu gewinnen, was faszinierend zum Beobachten ist. In einem Moment kann man ihnen fast in die Augen schauen, im nächsten Moment sind sie kleine Punkte hoch oben am Himmel. Ohne Anstrengung, scheinbar automatisch steigen sie höher und höher und geben einem das Gefühl, klein und unbedeutend zu sein. Kein Wunder, dass die Menschen schon immer davon geträumt haben, wie die Vögel zu fliegen, dass die Freiheit der Vögel schon so lange eine Inspiration für uns ist.

In der Gegend, in der ich wohne, habe ich das Privileg, fast jeden Tag Rotmilane zu sehen. Majestätisch fliegen sie über meinen Kopf hinweg, folgen den Bauern, die gerade pflügen, so wie Möwen den Fischerbooten folgen, und füllen fast die Luft mit ihrer Anwesenheit. Doch eines Tages hatte ich das Glück, eine besondere Begegnung miterleben zu dürfen. Ein vermutlich junger Rotmilan hatte entschieden, sich ein neues Jagdgebiet zu suchen. Und da der Vogel noch jung war, kannte er noch nicht alle Regeln. Wie sollte er auch?

Er flog, er schaute, er segelte über die Äcker, und auf einmal sah er eine Maus. Es hätte seine erste Beute sein können, er war aufgeregt und beschloss zu tauchen. Aber er hatte nicht gesehen und wusste auch nicht, dass er das Revier einer Krähe betreten hatte. Die Krähe war sehr nah und beschloss, anzugreifen - nicht die Maus, sondern den jungen Rotmilan.

Wenn Sie jemals eine Krähe und einen Rotmilan gesehen haben, kennen Sie den Unterschied, nicht nur in der Grösse - die Krähe ist viel kleiner als der Rotmilan - sondern auch in der Art des Fliegens. Der Rotmilan fliegt wie ein König, die Krähe, nun ja, die Krähe fliegt. Aber in der Luft hat der Rotmilan keine Chance, wenn er von einer Krähe angegriffen wird. Die Krähe ist wendiger, schneller, aggressiver. Der Kampf war kurz, aber entscheidend. Das Einzige, was unser junger Rotmilan tun konnte, war, seine Maus aufzugeben und das Territorium der Krähe so schnell wie möglich zu verlassen.

Direkt ausserhalb des Reviers der Krähe befindet sich eine Scheune. Erschüttert und nervös landete der Rotmilan auf dem Dach der Scheune. Innerhalb weniger Minuten näherte sich auch die Krähe. Ich schaute fasziniert, was nun passieren würde, und die Antwort ist: Nichts. Die Krähe landete auf dem Dach neben dem Rotmilan. Da sassen die beiden nun friedlich nebeneinander, dieselben Vögel, die noch vor wenigen Minuten miteinander gekämpft hatten.

Die Natur lebt im gegenwärtigen Moment. Vögel denken nicht immer wieder an frühere Ereignisse, was geschehen ist, ist geschehen, sie hegen keinen Groll. Die Vögel trafen aufeinander, kämpften miteinander, und der Kampf ging mit einem Sieger aus. Die Krähe hat die Maus gefressen, der Rotmilan kannte die Grenze seines Territoriums und nun waren beide Vögel in Frieden.

Menschen können noch nach Jahren über frühere Meinungsverschiedenheiten reden. Das bringt zwar nichts, aber vielen Menschen fällt es schwer, zu verzeihen. Der Rotmilan und die Krähe zeigen uns den Weg. Ein Kampf kann sich lohnen, aber sobald der Gewinner feststeht, ist der Kampf vorbei.